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Plus

Schnell offen und geschlossen, einfaches System, leicht, bequem

Minus

Kälte spürbar, keine Lösung für Problemfuss, Mechanik könnte mit der Zeit leiden

 



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Neues auf dem Skischuhmarkt

Schnallen ade:
Skischuh des 3. Jahrtausends mit Mängeln

Nordica brachte unter dem Label SmarTech auf die Saison 2002/2003 einen völlig neuen Skischuh auf den Markt - ohne Schnallen und mit sichtbarem Innenschuh. Was auf den ersten Blick wie ein überflüssiger Gag aussieht, der schnell wieder aus den Regalen verschwunden ist, entpuppt sich im Test als guter Versuch. Allerdings leidet die erste Serie unter vielen Kinderkrankheiten.

von Andi Jacomet
Hinweis: Stand Februar 2002 - Update dieser Story aus dem Januar 2003 hier!

Als begeisterter Skifahrer mit einem sogenannten Problemfuss hats mans nicht leicht. Da Top-Skischuhe - anders als Skis - in der Regel nicht unter Originalbedingungen getestet werden können, sind schnell mal 500 und mehr Franken in den Sand gesetzt. Klar: Vielleicht hilft es, den Kunststoff an den Druckstellen auszuhobeln, vielleicht hilft eine Spezialsohle, womöglich helfen dickere Socken - in der Regel aber nicht. Im Februar 2002 wars wieder einmal so weit: Die alten Skischuhe, Jahrgang 1999, sind ausgeleiert und riechen wie das Innere eines Rohkäseladens. Und es ist jedesmal dasselbe: Nach vier neuen Modellen an den Füssen macht sich die Erkenntnis breit, dass der Schuh, der auf diesen Fuss passt, einfach noch nicht erfunden wurde. Entweder Schraubstock oder kein Halt. Die Wahl zwischen Schmerz und Gelotter. Oder eben: Keine Wahl.

Spezialist Rico Molitors Stirn runzelt sich immer mehr. "Aber du willst nicht in den Finken skifahren, oder?" - Nein, will ich nicht. Ich will meinen Dachstein aus dem Jahre 1987 zurück, der drückte nirgends. Aber das ist überflüssige Nostalgie. "Hmm... Da muss ich dir wohl dieses ganz neue System mal zum Testen geben." - Neues System? Hatten wir das nicht schon mal, mit den unsäglichen Hintereinstiegsschuhen, die heute primär noch jene Engländer tragen, die allabendlich die Talabfahrt blockieren?

Was Rico aus dem Keller bringt, sieht eher aus wie eine Mischung aus Snowboard-Softboot und Tourenschuh. Und wo bitte sind die Schnallen? Nein, das kann nix sein. Wieder mal so ein Versuch, das rückläufige Geschäft mit irgend einem Gadget zu beleben. Aber wer weiss? - Und siehe da: Kaum angezogen, zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl, auf Anhieb einen bequemen Skischuh an den Füssen zu tragen. Anschmiegsam, satt, aber nicht eng - schön weich. Und die Metalldrähte, die den Schuh umspannen, erweisen sich als tauglicher Ersatz für die Schnallen; angezogen werden die Drähte mittels eines Rasenmäher-Anlasser-artigen Zuges auf der Rückseite (siehe Bild). Hier stellt sich die Frage: Wie lange hält diese Schnur? Denn es muss tüchtig dran gezerrt werden, bis man den Schuh sattgezogen hat. Dieser Verschluss umschliesst das Rist und den vorderen Teil des Fusses. Dazu kommt für Zug am unteren Schienbein ein Verschluss, der an eine Schnalle erinnert, aber durch stetige Links-Rechts-Bewegungen geschlossen wird (siehe Bild, beim Mittelfinger). Beide Systeme können - z.B. für Liftfahrt oder Mittagspause - durch das einfache Betätigen zweier Hebel wieder mit einfachen Handgriffen komplett gelockert werden. Dies und das Wieder-Anziehen klappen selbst mit einem Fausthandschuh problemlos, wobei man die Skihosen nicht verschieben muss. Dies ist ein wertvoller Vorteil gegenüber den Schnallenschuhen, für die man die Handschuhe meistens abziehen und die Hosen hochschieben musste. Den Draht kann man vor den Zehen und beim Rist in zwei verschiedene Kerben setzen - die Unterschiede sind trotz geringer Distanzen (1-3cm, siehe Foto) deutlich spürbar. Zuguterletzt ist da noch der altbekannte Klettverschluss zuoberst am Schuh. Und endlich besitzt ein Schuh oben einen (allerdings nach wenigen starken Griffen bereits teilweise aus der Verankerung gerissenen) Hebel, mit dem die Lasche satt nach oben gezogen werden kann.



Interessant: Die Schale ist nicht durchgehend; der waserdichte Innenschuh ist stets sichtbar (lange Orange Teile). Für das Schmelzwasser, das zwischen Innen- und Aussenschuh heruntersickert, ist ein Drainagesystem eingebaut, welches das Wasser bei der Sohle wieder austreten lässt. Es wird sich in der Serienproduktion zeigen, ob das etwas taugt. Durch die folglich relativ dünn gewordene Haut dringt mehr Kälte in den Schuh - ich hätte den Nordica lieber bei +5 statt bei -15 Grad getestet. Oder mit eingebauter Heizung.

Abgesehen von der Kälte fühlt sich der Schuh beim Skifahren angenehm und bequem an, wobei ich leider nur eine Grösse zum Testen hatte und mein Problemfuss sich mit der Zeit wieder bemerkbar machte: Mit zu wenig anziehen "lodderte" der Fuss im Schuh herum, was die Verletzungsgefahr steigert und präzise Schwünge verunmöglicht. Sobald ich alles so satt wie möglich zog, gabs Druckstellen und eingeschlafene Füsse. Wie beim Schnallenschuh auch. Womöglich liesse sich durch verschiedene Sockendicken noch etwas rausholen.

Fazit: Für Problemfüsse lässt die Patentlösung weiter auf sich warten. Aber das neue System ist ein valabler Ersatz für Schnallenschuhe, selbst für anspruchsvolle Skifahrer. Die Bedienung ist kinderleicht und effizient, der Schuh ist im Nu bereit. Und sieht erst noch aus wie von einem anderen Planeten.


Update Januar 2003

Ich habe mir Ende Dezember 2002 tatsächlich solche Dinger gekauft - und bin nach einigem Experimentieren tatsächlich zufrieden. Allerdings begann alles äusserst schwierig. Das Wichtigste vorweg: Ich würde den Schuh momentan noch nicht kaufen - erst, wenn er serienmässig verbessert wurde. Allerdings ist hier zu lesen, was bei fast allen Modellen das Problem ist, und was man dagegen tun kann, wenn man unbedingt will.

Der erste Tag verlief einigermassen ernüchternd: Da mir in eng anliegenden Skischuhen stets die Füsse einschlafen, hatte ich wie immer eher ein zu grosses Modell gekauft (SmarTech 10, das Topmodell wäre 12) und experimentierte am ersten Tag mit den Socken. Das lief auch recht gut - ich kam zum Schluss, dass eine Einlagesohle die Lösung sein müsste. Nur: Der Schuh hatte eine eklige Druckstelle zwischen Rist und Schienbein. Die Zunge drückte stark gegen den unteren Teil des Schienbeins. Länger als zwei Stunden so Skifahren ist die reinste Folter.

Rico Molitor kannte das Problem von anderen Kunden und Schuhhändlern her und wusste umgehend einen Bekannten, der gerne an Schuhen rumbastelt und womöglich eine mögliche Lösung hatte: Zwischen Klettverschluss, dem oberen Verschluss und der Zunge wurde eine zusätzliche Kunststofflasche eingebaut, die den Druck besser verteilt. Und siehe da: Perfekt (im Bild mit den gelben Peilen markiert)!

Nach zwei Wochen in der Werkstatt kam der Schuh zurück. Sohle rein, Schuh zu - perfekter Sitz. Einzig das Ein- und Aussteigen ist mit einigen für den Fuss schmerzharten Mühen verbunden. Auch hier muss wohl noch ein wenig gearbeitet werden; man sollte den Schuh noch mehr öffnen können.

Fazit: Der Schuh der ersten Serienproduktion ist nicht ausgereift. Das bestätigt auch ein jacomet.ch vorliegendes Schreiben eines Schweizer Skifahrers, dessen Skiferien gemäss seinen Aussagen wegen der Schuhe dermassen in die Hosen gingen, dass er Schadenersatz forderte - und nach einem Briefwechsel und Telefonaten auch bekam.

Die erwähnten Probleme sind also erkannt und an den Hersteller gemeldet worden. Der neue Schliessmechanismus ohne Schnallen erhöht den Komfort für Leute, die den Schuh für die Bergfahrt aufmachen wollen oder müssen, massiv - kein umständliches Handschuhe Ausziehen mehr, um die Skihose hochzuschieben und die Schnallen zu lockern oder wieder zu schliessen. Einfach schnell ein Griff nach hinten zu einem kleinen Hebel (öffnen) oder dem "Rasenmäher-
Zug" (schliessen), fertig.

Das Problem mit der Kälte dünkt mich nicht mehr so akut wie auch schon; allerdings wäre der Einbau einer Heizung auch schwierig: Der Innenschuh ist wasserdicht, und ein Kabel könnte kaum sauber heraus gezogen werden, ohne das ganze System nachhaltig zu beschädigen. Nach einem Skitag unter minus 5 Grad muss man zudem über 10 Minuten in der Wärme stehen, bevor man den Schuh auszieht - ansonsten kann das schmerzhafte Folgen haben: Wenn die Kabel, die sich durch den Schuh ziehen, eingefroren sind, ist der Schuh schlichtweg nicht vom Fuss zu bekommen - ausser man hat einen Warmluftbläser zur Stelle.

Als Warmwetterskischuh sind die neuen Nordicas empfehlenswert - aber auch nur, wenn sie vorher modifiziert wurden. Fazit: Die anfängliche Begeisterung verfliegt im Alltagsgebrauch schnell. Schade - die Idee wäre gut, die Umsetzung ist leider mangelhaft.

Mehr zum SmarTech-Schuh auf der Nordica-Website.


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last update 10.02.2006 9:49 © jacomet.ch 1999-2005

 




   

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