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Weitere Links zum Thema Orion

...gibts hier oder hier. Die Kinofassung samt Specials gibts auch auf DVD.

 

 

Was soll das?
Orion in Kürze

"Raumpatroille" spielt zwar in der Zukunft, widerspiegelt aber vor allem das Deutschland der 1960er Jahre - insbesondere, was Frisuren, den leichtfertigen Umgang mit Alkohol (immer wieder dieser Whisky) und den Umgang zwischen Männern betrifft: Einerseits werden Machosprüche en masse geklopft, in den Vorzimmern sitzen Sekretärinnen vor Maschinen, die man nicht gerade als Computer bezeichnen kann, die Damen werden schon mal ungestraft "Schätzchen" tituliert - andererseits gibts den Planeten Chroma, wo die Frauen das sagen haben und Männer bestenfalls Gärtner sein dürfen. Und es gibt natürlich Tamara Jagellovsk, die ihre Frau steht wie kaum eine Frau das damals am Fernsehen tat - muss sie auch, bei "McLane und seiner Bande".

Dazu kommt der geniale Soundtrack von Peter Thomas, der im Zuge der Easy-Listening-
Welle der 1990er Jahre eine fulminante Renaissance erlebte.

Wenn nun Kritiker, die von der Original-Orion keine Ahnung haben, auch noch die überflüssigen Zusätze der neuen Fassung unreflektiert übernehmen (wie z.B. Petra Füchsel in DW-online) , dann ist das schade und negiert den feinen Humor des Originals. Während in "Rücksturz ins Kino" Frogs (hach wie phantasievoll) "Feindliche Raumschiffe Ohne Galaktische Seriennummer" getauft werden, erklärt Atan vor einem Ausschuss am Ende der Folge eins: "Wie hatten sie 'Frösche' getauft, aber das klang uns dann zu vertraut - zu irdisch. Darum haben wir sie Frogs genann". - Ist es lustig, wenn das durch eine mässig lustige eigene Erfindung ersetzt wird? Nee. Das wäre etwa wie wenn Möchtegern-Trekker behaupteten, dass "Beamen" schon immer "Bring einen Alien mit einer Nase" hiess.

Oder Heiko Rauber in br-online, der in die selbe PR-Falle tappt und dazu noch eine Aussage unkorrekt zitiert: "Wie steht's denn mit dem Hyperspace?" - Müsste heissen: "Wie steht's denn mit Hyperspace?", denn hier ist kein Raum gemeint, sondern eine Geschwindigkeits-
Angabe.

Weitere detaillierte Infos und Facts rund um die Orion in diesem Bavaria-PDF.

 


Raumpatrouille im Kino: Frevel oder Wohltat?

Weniger wäre mehr gewesen

"Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion" gehört zu den Klassikern der deutschen Fernsehgeschichte. Die siebenteilige Schwarzweiss-Bavaria-Serie aus dem Jahre 1966 - mit Dietmar Schönerr, Eva Pflug und Dürrenmatt-Witwe Charlotte Kerr - hat eine treue Fangemeinde, vergleichbar mit den "Trekkers", die dem Raumschiff Enterprise huldigen. 2003 entschloss sich ein junges Team, das Raumschiff Orion ins Kino zu schiessen. Eine Gratwanderung mit Abstürzen.

Eine Kritik von Andi Jacomet

Was hab ich mich doch auf "Raumpatrouille - Rücksturz ins Kino" (kurz RORIK) gefreut - zumal meine Orion-Geschichte mit ca. 1979 von meinem Onkel bei SW3 auf Beta aufgenommenen und später via Video 2000 nach VHS kopierten Bändern begann, die am Schluss kaum mehr ansehnlich waren. Die Doppel-DVD war schon mal ne Rettung, und nun sollte RORIK - whow, auf einer Leinwand! - der Höhepunkt sein.

Jedenfalls war ich einer der wenigen Schweizer, die an Dürrenmatts Frau mehr Interesse zeigten als an unserem Nationalliteraten selbst, wobei ich rasch merkte, dass es sich in hiesigen Uni-Seminaren nicht schickte, Charlotte Kerr mit Hydra und Frogs in Verbindung zu setzen. Da hörte ich doch lieber daheim die Original-Single von Peter Thomas aus den 60ern (B-Seite: Shub-a-Dooe), die meine Mutter damals gekauft hatte, und verwendete sie auch eifrig in diversen Tonproduktionen.

Kurzum: Ich bin seit dem zarten Alter von 7 Jahren ein Orion-Freund und hab schon ins Zeichnungsheft der ersten Klasse Leitstände und Lancets gemalt und in der Badewanne Tiefseebasen-Starts durchgeführt (die Orion war ein Pfannendeckel mit 4 Wäscheklammern rundherum - nur diesen blöden Strudel brachte ich einfach nie hin). Als Fundi würde ich mich nicht bezeichnen, eher als Freund, der den Orion-Geist schon recht früh verinnerlicht und im Lauf der Jahre verfeinert hat.

Ich habe die Kinofassung zunächst mal vor allem genossen - das Schwarzweiss ist traumhaft, die Bilder kommen toll rüber. Aber... ich bin schon nach wenigen Minuten zum Schluss gekommen, dass es gewisse Sachen auf diesem Planeten gibt, mit denen man gewisse Sachen einfach nicht tun sollte.

So gesehen verstehe ich beide Extreme in diesem Forum, wo sich Fundis und Macher bisweilen erbitterte Grabenkämpfe liefern. Ich bin auch jeweils stolz, wenn ich glaube, Grosses vollbracht zu haben - wenn die Macher also ihr Werk vehement verteidigen, in das sie sicher eine Menge Herzblut gesteckt haben, ist das legitim. Ebenso versteh ich aber die andere Seite, denn ich stelle fest, dass die Macher den kleinen Details zu wenig Beachtung geschenkt haben - und da liegt bekanntlich immer der Teufel, vor allem gegenüber der Freak-Fraktion. Und wenn schon, mit Verlaub, dann sollte man es sich zumindest als Ziel setzen, es zumindest den Gemässigten in dieser Fraktion auch recht zu machen.

Nein, ich bin eben kein Fundi - ich bin einfach bloss Old School. Eine siebenteilige Serie, die in weiten Kreisen als Kult gilt, soll vor allzu kreativem Eifer geschützt sein.

Und vor allem vor Peinlichkeiten - ich bin Perfektionist, wie wir Schweizerlis halt so sind. Das hätten sich die RORIK-Leute auch zu Herzen nehmen müssen. Beispiele gefällig?

  Auf der Rückseite des Filmplakates heisst es "Cliff Allester McLane" - oops, nachsitzen! Der heisst "Cliff Allister McLane". Das wäre etwa, wie wenn ich als Journalist Bundesrat Schmid als Bundesrat Schmied bezeichnen würde. Stört nicht gross, ist aber oberpeinlich, und die Branche würde mich auslachen.
     
  Die Off-Stimme Ben Beckers mag zwar Berliner Radiohörern etwas sagen, bei einem Raumpatrouillophilen hingegen sorgt sie schon mal für Gänsehaut im negativen Sinne. Muss das sein? Ist "neu" immer "besser"?
     
  Auf dieser Website ist von "Alpha-Orders" die Rede. Das hört sich krumm an, denn auch wenn meines Wissens das deutsche Wort "die Order" selten auch ein Plural-"S" haben kann, suggeriert der Ausdruck, dass "Order" vom englischen "order" (Befehl) kommen soll. Wer ein wenig linguistisches Gefühl für die bisweilen doch recht spannenden bis genialen Sprachschöpfungen der Orion-Producer in den 60ern aufbringt (Lichtspruch, Leitstrahl, Leitstand, TRAV, ORB, GSD, Hyperspace usw.), wird "Orders" so nicht verwenden.
     
  Die frei erfundene Beschreibung, was "Frogs" heissen soll, ist wohl das, was am nächsten an einen "Frevel am Original" rankommt. Selbst wenns augenzwinkernd gemeint sein mag: Too much!
     
  Die Startsequenz (Unterwasser, Auftauche aus dem Strudel) wird oft frech einfach mit beinahe doppelter Geschwindigkeit laufen gelassen - sorry, aber fast forward kann ich selbst auch machen, das ist hässlich.

Zu pingelig? Nein - mich als Liebhaber der Serie stören solche Dinge, weil sie für mich mangelndes Feingefühl im Umgang mit dem Originalmaterial zeigen. Dazu gehören die nachträglich eingefügten Soundeffekte ebenso - wieso muss sich die Orion hier an die Enterprise anbiedern? Eine Konzession ans heutige Publikum?

Die RORIK-Crew wegen alledem overkillen? Nee, auf gar keinen Fall. Aber einen "Plan DX17 - Rettet das Original" würde ich sofort mittragen.

So bleiben nebst den schönen Bildern leider auch eher zweifelhafte Reminiszenzen an "Hooked on Classics" und andere Verbrechen auf Schallplatte. RORIK ist zweifellos gut gemeint, und ich kann mir gut vorstellen, dass Leute, die Tamara, Cliff, Hasso & Co. nicht gut kennen oder bislang nur vom Hörensagen kannten, Gefallen dran finden.

Aber es ist zuviel des Guten. Die Idee des Zusammenschnitts, (7 Folgen zu einem Spielfilm vermengen) - die geht in Ordnung, auch wenn die Schnitte manchmal gar chaotisch sind und bisweilen sehr weit voneinander Entferntes zusammengemanscht wird, was Kenner erschaudern lässt. Am Schluss von RORIK, als die Ausserirdischen erfolgreich geschlagen sind, schnitten die Macher beispielsweise eine Szene aus einer früheren Folge ein, wo Commander McLane sagt: "Experiment Overkill erfolgreich abgeschlossen." Wer die vorher erfolgte Sternenschlacht als "Experiment" tituliert, bloss weil die Szene scheinbar dahin passt, zeigt wenig Fingerspitzengefühl.

Aber sonst? Eben: Old School. Ich habe Respekt vor dem Original, und drum hätt ich's viel mehr geschätzt, die sieben Originale auf der Leinwand reinzuziehen. Kohle machen liesse sich damit kaum, das ist klar. Ich will der 2003er Crew auch nicht unterstellen, dass sie primär Kohle machen wollten - so kommt das auch nicht rüber. Aber da waren zu wenig Samthandschuhe im Spiel, zu wenig Gefühl, zu viel "allzu originelle" Zusatzideen. Ich dachte oft "eiei, sowas tut man einfach nicht!" Das Original ist viel zu gut, um es mit einer "Sternenschau" (Elke Heidenreich als Nachrichtensprecherin der Zukunft) samt seltsamen Jingles zu garnieren, die erst noch voller inhaltlicher Ungenauigkeiten ist. Gerade auch, weil die Schöpfer der "Raumpatrouille" in den 60ern offenbar bewusst die Existenz von Massenmedien im heutigen Sinne negierten - lediglich von "Visio-Übertragungen" ist am Rande die Rede.

Nochmals zurück zum Sound: Der Ton von 1966 mag ja nicht der Hammer sein, aber muss man unbedingt nachträglich Dolby-Digidogo-Effekte reinzaubern, die selbst Orion-Laien als Fremdkörper entlarven? Kommt mir vor wie Möchtegern-Webdesigner, die glauben, 3D, animierte GIFs und 1MB schwere Flashs seien das Nonplusultra. Denen sag ich in Kursen immer: Im Zweifelsfalle einfach ne weisse Seite mit schwarzer Schrift. Punkt.

 


Warum muss man immer alle technischen Möglichkeiten ausnützen, wenn man eine Mehrheit mit einem Hundertstel des Aufwands ebenso zufrieden stellt? Hier kommt erschwerend hinzu: Die Verständlichkeit der Dialoge leidet eindeutig unter dem künstlich aufgemotzten Ton. Und das kann wohl kaum im Sinn der Macher sein.

Ich komm jetzt nicht mit dämlichen Vergleichen wie "das kommt mir vor, wie wenn jemand Frevel an einem Standardwerk der Menschheitsgeschichte begangen hätte" oder "das ist wie wenn jemand die Enterprise plötzlich Enterpryse nennen würde", nein - ich stelle einfach fest, dass ich mich wieder mal wie ein 70jähriger fühle, wenn ich wie so oft resümiere: Weniger wäre mehr gewesen.


Reaktionen

(Aus dem Forum der Film-Website, wo eine gekürzte Fassung dieser Kritik gepostet wurde / 5.11.2003) Kompliment. Das ist der erste Beitrag seit Monaten, für den sich unsere Investition in dieses Forum letztlich doch gelohnt hat. Hier hat sich endlich jemand Mühe gegeben mit dem Film - und nicht mit der Illustration seiner schlechten Laune. Und was das für uns ziemlich negative Urteil betrifft: Ja, genau so kann man die Sache sehen. Wir müssen damit leben und stellen uns gerne einer weiter führenden Diskussion auf diesem Niveau. Auch wenn wir auf die Standardfrage "Muss man wirklich....?" fast immer nur antworten können: "Nein, man muss nicht. Aber man kann. Wenn man darf und sich traut. Und wenn man bereit ist, Liebe und Hiebe dafür einzustecken." Beides wurde und wird uns in ausreichendem Masse zuteil. Bei der DVD wird es nicht anders sein. Vielleicht bleibt der Kinofilm nur Episode. Vieles spricht dagegen. Auf jeden Fall war es aus unserer Sicht richtig, die Gunst der Stunde (es war eher eine Sekunde) zu nutzen, und mit knappstem Budget und noch weniger Zeit dieses Abenteuer zu wagen, ohne erst ein Orion-Symposion einzuberufen (dich hätten wir trotzdem gerne im Beratungsteam gehabt). Und wenn der Film nur dem Zwecke dient, noch mehr Fans für die TV-Serie zu begeistern, soll es uns recht sein. RORIK gibt's dann eben als kuriose Zugabe. Für den, der's mag. In der Hoffnung, noch mehr von dir zu lesen und zu hören, grüsst: Stephan Reichenberger (Autor der Orion-Kinofassung)

Olaf schrieb am 20. Januar 2004: "Hallo Andi, ich bin Jahrgang 1962 und wie Du ein alter eingeschworener Orion-Fan. Dank der Rezension bin ich auf die DVD aufmerksam geworden. Ich lebe wie Du noch von etwas in die Tage gekommenen Videocasetten, aber wenigstens nur einmal direkt aufgenommen. Ich liege jetzt noch abends im Bett und lausche ab und zu der knisternden MP3-Version des Fernsehserientons und die Bilder laufen vor den Augen ab. Nicht nur die Schweizerlis sind solche Penibelchen. Auch mir stoßen solche scheinbaren Kleinigkeiten wie Namensdreher o.ä. sauer auf. Es zeugt von einer nicht ganz 100%igen Auseinandersetzung mit der Sache. Aber ich finde es toll, dass dieser Zusammenschnitt gewagt wurde, denn es kostet viel Zeit (und damit Geld), sich den Filmschnitte immer und immer wieder anzusehen und neu zusammenzustückeln. Kompliment trotzdem oder gerade deshalb an die Macher. In der Antwort von Stefan Reichenberger klingt es ja an, erstmal besser machen. Gerne, wenn man von dem Projekt vorher Bescheid bekommen hätte. Es bleibt ja (ich hoffe, deutsche Gerichte geben mir da recht) jedem ordentlichen Besitzer der DVD-Version selbst überlassen, einen Zusammenschnitt nach eigenem Gusto (und mit eventuell eigener Off -Stimme) für den Heimgebrauch zu kreieren. Software vorausgesetzt. Liebe Grüße aus deutschen Landen - Olaf Wenz"


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